Konfliktlösung: Die Kultur der einfachen Friedensfähigkeit

Gerechtigkeit, Konfliktlösung

Konfliktlösung in friedvollen Gesellschaften

In den letzten Jahren haben die Semai, friedliche Ureinwohner, die in den zerklüfteten Bergen der malaiischen Halbinsel (siehe Karte) leben, Durian-Früchte geerntet, verpackt, und verkauft, damit sie die Konsumgüter erwerben können, die für sie unentbehrlich geworden sind – Tabak, Macheten, Radios und so weiter.

Nyam, der sprachgewandte Sohn eines ehemaligen Oberhäuptlings, war beschuldigt worden, Durianbäume auf Grundstücken gepflanzt zu haben, die ursprünglich anderen gehörten.

Tidn, der Dorfvorsteher des von Nyams Aktionen betroffenen Dorfes, erkannte das Konfliktpotenzial, und so berief er ein becharaa‘ ein, ein Verfahren, mit dem die Dorfbewohner versuchen, Streitigkeiten zu lösen.

Das Pflanzen von Bäumen auf fremden Grundstücken bedrohte und erzürnte Nyams Nachbarn, die teilweise zu anderen Familien gehörten. Die Spannungen nahmen zu.

Konflikt

Nyam und seine Verwandten wurden eingeladen, um die Angelegenheit zu besprechen und zu regeln. Da auch sein eigenes Land von Nyam erobert worden war, war Tidn an dem Streit beteiligt; er lud Entoy, Oberhaupt eines nahegelegenen Tals, ein, den Vorsitz über die becharaa zu führen”. Nyam kam in der Abenddämmerung im Dorf Semai an.

Konflikt
Samai

Das Gespräch war zwanglos, da sich jeder kennt und mit der Art des Konflikts vertraut ist. Nach einer Weile versammelten sich die Dorfbewohner im Kreis und die formalen Diskussionen begannen mit Vorreden über die Bedeutung der Beilegung des Streits, bevor er außer Kontrolle geriet.

Jede der Konfliktparteien gab ihre Version der Ereignisse bekannt und rechtfertigte ihr Handeln auf emotionslose Weise. Nyam leugnete einige seiner Übertretungen und versuchte, andere zu rationalisieren.

Konflikt, Samai
Samai

Als niemand mehr etwas zu sagen hatte – Punkte waren herausgestellt und nochmals betont worden, bis alle Beteiligten erschöpft waren – war das becharaa bereit abgeschlossen zu werden. Es lag für jeden auf der Hand, dass Nyams Handlungen falsch waren, aber der Konsens (Einstimmigkeit) bestand darin, dass er die Bäume, die er bereits gepflanzt hatte, behalten und nutzen konnte, obwohl er nicht länger pflanzen durfte.

Entoy hätte eine kleine Geldstrafe gegen Nyam erheben können, aber alle hielten es für wichtiger, dass die Gruppe ihre Harmonie behält, anstatt die schuldige Partei zu grob zu behandeln.

Werte hochhalten, die für das Wohlbefinden jedes Einzelnen sorgen

Anerkennung der bemerkenswerten Tradition

Entoy wies die versammelten Menschen auf die Bedeutung ihrer Tradition der Einheit, der Harmonie, des Friedens, des gemeinsamen Essens und des Nichtkämpfens hin. Er machte allen klar, dass die Angelegenheit vollständig geklärt war und dass niemand sie noch einmal zur Sprache bringen durfte. (Wie bereits die Kinder indigener Gesellschaften lernen Konflikte zu vermeiden und sich friedvoll zu verhalten.)

Kontrastprogramm aus der “zivilisierten” Welt

Stellen wir diese Szene, einer vergleichbaren Situation aus einem westlichen Gerichtsverfahren, hier am Beispiel von Pennsylvania, gegenüber.

Für zwei Jahre pachtete Charles Peterman 115 Morgen Ackerland in Columbia County, Pennsylvania. Doch eine Ernte von Winterweizen, die er im zweiten und dritten Herbst pflanzte, konnte nicht geerntet werden, bevor der Mietvertrag im folgenden April auslief.

Spät im nächsten Frühjahr versuchte Peterman trotzdem sein Getreide auf jede erdenkliche Weise zu ernten, obwohl er vom Bevollmächtigten des Besitzers gewarnt wurde. Als er weiter das Land betrat, ließ der Bevollmächtigte ihn verhaften.

Die Angelegenheit kam vor das Gericht in der Kreisstadt Bloomsburg, wo Peterman wegen strafrechtlicher Verfolgung für schuldig befunden wurde. Er legte gegen seine Verurteilung Berufung beim Superior Court of Pennsylvania ein, der das Urteil des Lower Court aufhob.

Die Art und Weise, wie Konflikte in den Gerichtshöfen von Pennsylvania gehandhabt werden, unterscheidet sich erheblich von den Ansätzen, die die Semai mit ihren Becharaas verfolgen:

Den Semai geht es vor allem darum, Konflikte friedlich beizulegen, während sich die Amerikaner (und alle Industrienationen) in erster Linie auf die Erfüllung von Gerechtigkeit konzentrieren.

  • Jeder im Dorf Semai kennt die Parteien, die in den Konflikt involviert sind und ist bereits mit den Fakten vertraut; wenn ein Fall in Pennsylvania zu einem formellen Geschworenenverfahren kommt, dürfen die Juroren keine Vorkenntnisse über die Parteien oder den Fall haben.
  • Die Konfliktparteien in den USA beauftragen in der Regel Anwälte, ihre Standpunkte aggressiv darzulegen; die Semai präsentieren ihre eigenen Positionen ohne Konfrontation oder Aggressivität.
  • Kurz vor Abschluss des Verfahrens erklärt der Richter aus Pennsylvania der Jury die rechtlichen Fragen und sagt ihnen, dass ihre Rolle darin besteht, die Wahrheit über das Geschehene zu erkennen und entsprechend zu entscheiden; der Semai-Chef verdeutlicht dem ganzen Dorf die überragende Bedeutung der friedlichen Lösung des Konflikts.
  • Die Bestrafung ist der normale Abschluss des US-Prozesses; sie ist für die Semai relativ unwichtig.
  • Und schließlich verbietet der Semai-Chef am Ende des becharaa’ jede weitere Prüfung des Falles, da er vollständig gelöst wurde; der Pennsylvania-Bürger ist berechtigt, gegen seine Verurteilung Berufung einzulegen, wie es Peterman tat.
  • Der wichtige Punkt im US-Gerichtssaal ist der Sieg; das Hauptanliegen für die Semai ist die Lösung des Konflikts, die Beseitigung der Emotionen der Konfliktparteien und die Bekräftigung eines korrekten, friedlichen Verhaltens. Weil sie dies für entscheidend für das Leben ihrer Kinder und Enkelkinder halten.

Quellen

Journal of Peace Research, vol. 33, no. 4, 1996, pp. 403-420 (Übersetzung H. Vonier)

Fotos: Samai-Kinder von Bitty Chong, Flickr; Göttin der Gerechtigkeit von Sang Hyun Cho auf Pixabay

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