Wettbewerb: Unser seltsames Erbe vom Antiken Griechenland

Wettbewerb

Krieg ist nicht die einzige Form, in welcher sich unser aggressives politisches System in Szene setzt. Es gibt auch einen Krieg ohne Waffen, den man gemeinhin den friedlichen oder freien Wettbewerb nennt.

Dass dieser aber weder frei noch friedlich ist, sondern einem tief verwurzelten Zwang des patriarchalen Selbstverständnisses entspringt, dafür liefert die griechische Tradition höchst eindrückliche Beispiele.

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Die Lebensmaxime, die dem freien Wettbewerb zugrunde liegt, hat Homer in einer berühmten Verszeile ausgesprochen:

Immer der Erste zu sein und vorzustreben den andern.

Homer – Daher der Ausdruck Patriarchat: Patri von griechisch pater “Vater, im Sinne von Familienvorstand, Oberhaupt”, vgl. Kirchenvater, und archat von griechisch archéin “der Erste, Anfang, Ursprung”.

Triumph, ein absurdes Merkmal der Dominanz

Darin liegt nicht nur der Wille zur äußersten Anspannung der eigenen Kräfte und das Streben nach hohen Zielen, sondern ebenso sehr der Wunsch nach dem Triumph über den Schwächeren!

Der Wunsch, sich hervorzutun, schreibt der Graecist C. M. Bowra, zehrt von der Erniedrigung des andern, und griechische Männer und griechische Städte befriedigten auf diese Weise ihren Ehrgeiz.

Außer bei den Siegen auf dem Schlachtfeld feierte dieser Ehrgeiz seine Triumphe in der Sportarena und deshalb sind die nationalen Wettspiele von Delphi, Korinth und Olympia unter patriarchalen Vorzeichen zu den großen Treffpunkten der griechischen Väter- und Helden-Welt geworden.

Bis heute. Und manchmal wird es absurd:

Ich glaube, dass der Tabellenerste jederzeit den Spitzenreiter schlagen kann.

Berti Vogts

Mit dem Aufblühen Athens zur Stadt der Künste und zur mächtigen Handelsmetropole eröffnete sich den Vätern von Athen aber noch ein anderes Feld zum Austragen ihrer Rivalitätskämpfe.

Wettbewerb und Entstehung der Geldaristokratie

Dieses Bild zeigt Daedalus, wie er seinen Neffen Talus aus Angst, dass er größeren Erfindergeist besitzt als er, von der Akropolis wirft. Das verdeutlicht Daedalus’ Charakterzüge von Wut und Eifersucht.

Während die Spartaner strikt auf ihrer aristokratisch-militärischen Gesinnung beharrten, entstand in Athen eine Geldaristokratie aus erfolgreichen Unternehmern und Kaufleuten, und die bildenden Künstler und die Erfinder neuer Techniken gelangten zu hohem Ruhm und Ansehen.

Ein in vieler Hinsicht typisches Beispiel für diesen neuen Stand ist die Gestalt des Daedalos, des legendären Erfinders der ersten Flugmaschine und großen Baumeisters und Ahnherrn der griechischen Bildhauer. Von ihm berichtet die Sage, er habe aus Athen nach Kreta fliehen müssen, weil er seinen Neffen Talos, den ihm seine Schwester Polykaste zur Lehre anvertraute, heimtückisch ermordet hatte:

Aus Neid auf dessen künstlerische Geschicklichkeit, mit der schon der 12jährige Knabe seinen Lehrmeister übertroffen haben soll, stürzte Daedalos den hochbegabten Jüngling vom Dach des Athenetempels.

Dieser Mord am eigenen Blut und noch dazu im geheiligten Bezirk der Athene, der Schutzgöttin der Handwerker, hat offenbar den Ruhm des großen Baumeisters nicht geschmälert.
Und dies wahrscheinlich deshalb, weil Daedalos nur etwas zu Ende führt, was dem Wesen des patriarchalen Ehrgeizes und dem glühenden Verlangen, immer der Erste zu sein, implizit ist.

Uns aber offenbart diese Tat die neurotisch-wahnhafte Komponente des väterlich-männlichen Wettbewerbs, die sich nicht an der großen Leistung als solcher orientiert – sonst hätte Daedalos seinen begabten Schüler unbedingt fördern müssen -, sondern die nur in der Überflügelung des Rivalen ihre Erfüllung findet.

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Manchen fällt dieser krankhafte, neurotische Wahn auf:

Oscars sind ein Teil der Krankheit in Amerika, dass man in Kategorien von Gewinnern und Verlierern denkt, wer gut ist und wer schlecht, wer der Beste und wer der Schlechteste … Ich mag nicht so denken. Jeder besitzt auf unterschiedliche Weise eigene Werte und ich mag nicht daran denken, wer dabei der Beste ist. Ich meine – was soll’s?

Marlon Brando

Der Unterschied zwischen Leistung und Arbeit

Wenn wir den griechischen Leistungsbegriff im Zusammenhang mit der Wettbewerbsidee analysieren, so tritt noch ein weiterer, bedeutsamer Faktor zutage, nämlich sein Gegensatz zum Arbeitsbegriff.

Leistung ist hier nicht nur untrennbar mit dem Rivalitätskampf verbunden, sondern auch mit der Verachtung der Arbeit. Im griechisch-patriarchalen Verständnis zeichnet sich die männliche Leistung gerade dadurch aus, dass sie nie in die Niederungen der schieren Arbeit absinkt und sich nie mit den bloßen Notwendigkeiten des Lebens abmüht.

Was zählt, ist

  • das Außergewöhnliche,
  • das Einmalige,
  • das Neue.

Das Motto der amerikanischen Gesellschaft “Bigger is Better” gilt auch für die anderen Industrienationen. Indigene Gesellschaften, haben nichts mit unseren westlichen “Werten” gemeinsam. Sie kennen keinen Wettbewerb und leben daher im Frieden! Wie die Kinder der Indigenen Barak lernen, friedvoll zu leben.

Stichwort: Leistungsgesellschaft

Das bloße Ausführen einer Sache interessiert nicht, nur das auf besonders raffinierte Weise zustande Gebrachte oder das abenteuerlich Errungene, das die Leistung zum Geniestreich oder zur Heldentat macht. Und entsprechend honoriert wird! Welche “Vorbilder” verdienen Millionen in unserer Gesellschaft?

Leistung ist immer das Besondere, Arbeit das Gewöhnliche, das man den Frauen und Sklaven (oder den FremdarbeiterInnen!) überlässt.

Arbeit macht frei
Tor zum Konzentrationslager Dachau

Ein gutes Buch zum Thema

Alphabet von Erwin Wagenhofer, Sabine Kriechbaum und André Stern

Unser Wirtschafts- und Gesellschaftssystem wird durch krisenhafte Entwicklungen zunehmend infrage gestellt und eine Antwort ist nicht in Sicht. Die politischen und wirtschaftlich Mächtigen wurden zum Großteil an den besten Schulen und Universitäten ausgebildet. Ihre Ratlosigkeit ist deutlich zu spüren und an die Stelle einer langfristigen Perspektive ist kurzatmiger Aktionismus getreten.

Mit erschreckender Deutlichkeit wird nun sichtbar, dass uns die Grenzen unseres Denkens von Kindheit an zu eng gesteckt wurden. Egal, welche Schule wir besucht haben, bewegen wir uns in Denkmustern, die aus der Frühzeit der Industrialisierung stammen, als es darum ging, die Menschen zu gut funktionierenden Rädchen einer arbeitsteiligen Produktionsgesellschaft auszubilden.

Die Lehrinhalte haben sich seither stark verändert und die Schule ist auch kein Ort des autoritären Drills mehr. Doch die Fixierung auf normierte Standards beherrscht den Unterricht mehr denn je.
Denn neuerdings weht an den Schulen ein rauer Wind. „Leistung“ als Fetisch der Wettbewerbsgesellschaft ist weltweit zum unerbittlichen Maß aller Dinge geworden.

Alphabet: Das Buch mit bisher unveröffentlichtem Material, Interviews, Berichten von den Dreharbeiten zum gleichnamigen Film und Tagebuchaufzeichnungen über die glücklichen ersten Jahre von Antonin Stern.

Antonin wächst wie schon sein Vater ohne Schule und ohne Unterricht auf. Getragen von Verbundenheit und Begeisterung zeigt er uns, wie sehr wir den Kindern und ihren angeborenen spontanen Veranlagungen vertrauen können.

Ein Buch, das Mut macht, das Alte loszulassen, aus unserem selbst gewählten Gefängnis durch die bereits geöffneten Türen hinauszutreten und dem Neuen zu begegnen, das auf uns wartet.