Streben nach Außergewöhnlichkeit, Nietzsche versus indigene Batek

Batek, friedvolles Volk

Ein unlängst von Psychology Today veröffentlichter Blog-Post verglich die Überzeugungen des deutschen Philosophen Friedrich Nietzsche aus dem 19. Jahrhundert mit der Lebensweise der Batek, einem indigenen Volk aus dem Regenwald Malaysias. Der Autor, ein amerikanischer Professor für Psychologie, machte deutlich, dass viele Menschen davon profitieren würden, ein besseres Verständnis der Batek zu erlangen.

Zwei verschiedene Sichtweisen vom menschlichen Ideal

Der Autor beschrieb treffend die Überzeugungen von Nietzsche: Der Philosoph lehnte alle religiösen Überzeugungen und den Glauben an Gott ab, der, wie er bekanntlich erklärte, schon längst tot ist. Mehr noch, Nietzsche lehrte, dass der Mensch einen Zustand der Vollkommenheit erreichen könnte, indem er ein Übermensch würde.

Um Außergewöhnlichkeit zu erreichen, muss man laut Nietzsche nach Meisterschaft streben. Welches Gebiet auch immer man auswählt, sei es Kunst, Musik, Weinbau, Ringen oder Philosophieren; es muss unerbittlich, mutig verfolgt werden; Grenzen müssen verschoben werden, Risiken müssen eingegangen werden, der gefährliche Grad muss ständig überschritten werden.

Traditionelle Gemeinschaftswerte: Überholt und selbstbeschränkend?

Nietzsches Philosophie war hyper-individuell. Fit für eine Moderne, in der traditionelle kommunale Werte, insbesondere aus der Religion, zunehmend als anachronistisch und selbstlimitierend angesehen wurden. Nietzsche setzte sich für persönliche Kraft, individuelle Leistung und selbstkonstruierte Bedeutung ein.

Friedrich Nietzsche, Streben nach Außergewöhnlichkeit
Friedrich Nietzsche, Streben nach Außergewöhnlichkeit

Die Grenzen des Selbst müssen immer wieder ausgeweitet werden

Diese „Selbstüberwindung“ beschränkte sich jedoch nicht nur auf körperliche oder geistige Fähigkeiten. Es war alles, was das Leben selbst umfasste. Die gesamte Existenz des Außergewöhnlichen, die Gesamtheit seines Wesens, war folglich dem unaufhörlichen persönlichen Wachstum verpflichtet.

Keine weltliche Macht oder Kraft kann das Schicksal des Außergewöhnlichen begrenzen oder lenken. Denn nur von innen heraus findet die Außergewöhnlichkeit Wahrheit und Sinn. Somit kann sich kein fremdes Dogma – soziale Konvention, moralisches System oder religiöser Grundsatz – dem Außergewöhnlichen aufzwingen. Der Wille der Außergewöhnlichkeit weicht nur den Prinzipien seiner eigenen Konstruktion.

Wenn dir nun das unrasierte, Zigarrenstumpen-kauende Gesicht von Clint Eastwood in seiner Blütezeit in den Sinn kommt, dann verstehst du, was ich meine.

Batek, Malaysia, friedvolle Gesellschaft
Stamm der Batek, Malaysia, eine friedvolle Gesellschaft

Die friedvollen Batek – eine andere Welt

Eine Welt fernab der urbanen Rationalität Nietzsches Europas sind die Batek, eine traditionelle Gesellschaft, die im Regenwald-Dschungel der malaiischen Halbinsel lebt. (Siehe Karte unten)

Die Batek praktizieren immer noch ihre traditionellen Jagd- und Sammelmethoden – die Männer benutzen das Blasrohr, um Affen, Eichhörnchen und Vögel zu erlegen; die Frauen sammeln Pilze, Knollen sowie verschiedene Früchte.

In den letzten Jahren haben sie ihre Ressourcen jedoch durch das Sammeln von Rattan (einer sehr vielseitigen Ranke) und dessen Handel mit lokalen Dorfbewohnern ergänzt.

Die Batek waren für Anthropologen wegen ihrer sehr kooperativen, gewaltfreien Ethik von besonderem Interesse. Eine friedlichere, nicht wettbewerbsfähige menschliche Gesellschaft zu finden, ist fast unmöglich.

Wie machen die Batek das?

Das haben sich Sozialwissenschaftler auch gefragt.

Wie Nietzsche haben auch die Batek ein Bild vom perfekten Menschen. Für sie ist es einer, der sehr kooperativ, aber gleichzeitig eigenverantwortlich und selbstständig agiert.

Wenn du ein Batek bist, wird niemand für dich auf die Jagd gehen; niemand wird dein Blasrohr reparieren oder Abendessen für dich kochen. Von dir wird erwartet, dass du es für dich selbst tust. Und warum tut es niemand für dich?

Es ist nicht so, als ob die täglichen Aufgaben des Lebens lästig wären. Für die meisten Batek sind sie angenehm. Allerdings sind – wie bei fast allen traditionellen Gesellschaften – Gleichberechtigung, Austausch und Kooperation überlebenswichtig.

Die individuelle Kompetenz wird im Rahmen tiefer, dauerhafter sozialer Bindungen gelebt.

Nietzsches Hyper-Individualismus ist für die Batek einfach keine Option. So wie er es wahrscheinlich auch für uns nicht über die lange Zeitspanne unserer menschlichen Geschichte gewesen wäre.

Einige haben Nietzsches „Außergewöhnlichkeit“ für unangenehm befunden, wegen des Gespenstes des Narzissmus, das über ihm zu schweben scheint. Die Ambitionen des Außergewöhnlichen scheinen denen der größeren Gemeinschaft entgegengesetzt oder sogar verachtenswert zu sein.

Ein Batek inspiriertes Streben nach Außergewöhnlichkeit wäre eines, bei dem Selbstüberwindung und selbstkonstruierte Bedeutung die Notwendigkeit der menschlichen Gegenseitigkeit anerkennen.

Andere zu brauchen, um zu wachsen, sich zu entwickeln und unser volles Potenzial zu entfalten, ist kein äußeres, sozial verordnetes Dogma. Es ist einfach eine menschliche Tatsache. Das Erkennen dieser Tatsache beschränkt uns nicht. Es befreit uns.


Quelle:

Psychology Today