Wie ein funktionierendes Wertesystem Wohlgefühl schafft

Werte

Der Mensch ist eine soziale Spezies, bei der jeder Einzelne stark von Beziehungen, Werten und der Unterstützung anderer abhängig ist. Das drückt sich darin aus, dass die überwiegende Mehrheit des sozialen Verhaltens pro-sozial und nicht aggressiv ist.

Die Tatsache, dass eine Kultur heute ein hohes Maß an körperlicher Aggression aufweist, schließt daher nicht aus, dass sie sich in Zukunft in Richtung Frieden bewegt.

Die Waorani von Ecuador veranschaulichen, dass relativ schnelle Verschiebungen möglich sind, weil es ihnen gelungen ist, eine zunächst hohe Sterblichkeitsrate durch Fehden in wenigen Jahren um über 90 Prozent zu senken.

Wer Frieden wirklich will, bekommt ihn auch!

Als die Stämme davon überzeugt wurden, dass die Fehde aufhören könnte, wurde der Frieden zu einem eigenständigen Ziel und ersetzte sogar den Wunsch nach Rache.

Der Mord hörte auf, weil die Waorani selbst eine bewusste Entscheidung trafen, ihn zu beenden.

Ich bin der Meinung, dass eine kulturübergreifende Betrachtung des menschlichen Konfliktverhaltens und seines Managements darauf hindeutet, dass gewaltfreie Alternativen nicht nur möglich sind, sondern außerdem eine wichtige Ressource für die Menschheit darstellen.

Die Verknüpfung westlicher und indigener Vorstellungen von Gemeinschaft, Frieden und Gewalt ist ein wichtiger Schritt zur Erreichung dieses Ziels.

Betrachten wir zunächst die Technik der sogenannten “strukturierten Dialogprozesse” eines indigenen Wertesystems, das als die vier Rs bezeichnet wird. Wir werden sehen, dass eines der vier Rs, die Gegenseitigkeit (reciprocidy), von zentraler Bedeutung für eine gerechte und effektive Konfliktlösung ist.

Werte

Die Berücksichtigung von Wertorientierungen ist entscheidend für die Ableitung universell anwendbarer Lehren aus indigenen Methoden der Konfliktlösung. Vergleichen wir nun die indigenen Wertorientierungen mit denen westlicher Nationen, z.B.

  • kooperativ versus wettbewerbsorientiert,
  • Stammes- versus modern,
  • kollektiv versus individualistisch,
  • eigenverantwortlich versus Selbstverwirklichung,
  • und die vier Rs
    • Beziehung (relationship),
    • Verantwortung (responsibility),
    • Gegenseitigkeit (reciprocity), und
    • Umverteilung (redistribution)
    • versus Macht und Gewinn (power und profit).

Die indigene Orientierung richtet sich auf bestimmte C-Wörter und R-Wörter z.B.

  • Kooperation (cooperation),
  • Zusammenarbeit (collaboration),
  • Gemeinschaft (collectivity),
  • Beziehungen (relationships),
  • Respekt (respect), und
  • Gegenseitigkeit (reciprocity).

Diese stehen wiederum mit Konfliktlösungspraktiken wie

  • Kompromiss,
  • Versöhnung und
  • Wiederherstellung

in Wechselwirkung, im Gegensatz zu westlichen Methoden wie Win-Lose, Zwang und Dominanz.

Zu den Kernwerten indigener Gesellschaften gehören

  • das Teilen,
  • der Respekt,
  • die Geduld,
  • die Pflege guter Beziehungen und
  • das Handeln, um die Gemeinschaft über das eigene Interesse zu stellen.

Abschließendes Gespräch vor der Entscheidungsfindung

Wesentlichen Merkmale der strukturierten Dialogprozesse bei nordamerikanischen Stammesgemeinschaften, die noch vor den Entscheidungsprozessen (Konsensfindung) stattfinden, sind

  • eine Reihenfolge des Sprechens,
  • jeder hat die Chance zu sprechen,
  • keine bewertenden Kommentare,
  • das Sprechen geht weiter, bis niemand mehr etwas zu sagen hat.

Ein Team von Wissenschaftlern und Praktikern erkannte vier zentrale indianische Werte, die “Generation, Geographie und Stamm” abdecken.

  • Erstens spiegelt der Wert von Beziehung ein Gefühl wider, dass alle Menschen (und andere Bereiche der Welt) miteinander verbunden sind. Menschen sollen einbezogen und nicht ausgeschlossen werden. Daraus ergibt sich, dass Entscheidungen im Konsens getroffen werden müssen, sodass alle Beteiligten Einfluss haben können.
  • Eine zweite für die Konfliktlösung relevante Tatsache ist, dass Beziehungen von zentraler Bedeutung sind. Sie sollen repariert und gepflegt werden und dürfen nicht ignoriert oder abgebrochen werden.
  • Ein weiter Kernwert ist Verantwortung. Der Mensch hat die Verantwortung, seine Verwandten im weitesten Sinne, also die (globale) Menschenfamilie und auch Tiere und Pflanzen, zu versorgen. Verantwortungsbewusste indigene Führung beruht auf Fürsorge und nicht auf Zwang.
  • Der letzte Kernwert ist die Reziprozität. Umverteilung hält die Beziehungen im Gleichgewicht, indem sie verpflichtet, materielle und soziale Güter zu teilen. Dieser Wert ist das Gegenteil des Materialismus: Es geht nicht darum, Dinge zu erwerben. Der Punkt ist, sie wegzugeben!
Mehr zum Thema:  Konfliktlösung: Die Kultur der einfachen Friedensfähigkeit
Es ist klar, dass die vier Kern-Werte in ihrer Konzeptidee und in ihren sozialen Ausdrucksformen miteinander verbunden sind.

In einer indigenen Gesellschaft mit einem solchen Ethos sind alle voneinander abhängig. Ich bin von den anderen abhängig, aber die anderen auch von mir! Alle sind verbunden durch Fürsorge und Teilen, Verantwortung und Hilfe und werden ihrerseits im Rahmen von Beziehungen unterstützt. Dadurch muss niemand Angst haben, allein oder verloren zu sein.

Eine hochgeschätzte Eigenschaft innerhalb des Stammes ist die Fähigkeit, sich so zu verhalten, dass diese [Gemeinschafts-]Beziehungen auch bei Meinungsverschiedenheiten erhalten bleiben! Um dies zu erreichen, darf man sich nicht auf den eigenen Vorteil konzentrieren. Sondern auf die beste Entscheidung für die Gemeinschaft.

Gute Beziehungen sind davon abhängig, dass sich Menschen wohlfühlen. Was wiederum starke Menschen schafft, die in der Lage sind zum Wohlergehen der Gemeinschaft beizutragen.


Quellen:

Pathways to Peace: The Transformative Power of Children and Families, Chapter: Group Identity as an Obstacle and Catalyst of Peace, by Geneviève Souillac, Douglas P. Fry. Publisher: MIT Press, Editors: Leckman, Panter-Brick, Salah, pp.79 (Übersetzung H. Vonier)

Foto: Woarani, Ecuador

Ein gutes Buch zum Thema:

Auf der Suche nach dem verlorenen Glück von Jean Liedloff

Die Autorin, die mehrere Jahre bei den Yequana-Indianern im Dschungel Venezuelas gelebt hat, schildert eindrucksvoll deren harmonisches, glückliches Zusammenleben und entdeckt seine Wurzeln im Umgang dieser Menschen mit ihren Kindern: Sie zeigt, dass dort noch ein bei uns längst verschüttetes natürliches Wissen um die ursprünglichen Bedürfnisse von Kleinkindern existiert, das wir erst neu zu entdecken haben.
Die Frankfurter Rundschau schrieb: “Ein menschliches und lebendiges Buch über das Leben, wie es lebenswert sein könnte. Es liest sich spannend wie ein Roman”.

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