Die Entstehung von Gewalt und wie sie sich ausbreitete

Gewalt, Bildmotiv eines Kindes: Soldaten attakieren ein Dorf

Wenn das Stichwort „Gewalt“ fällt, fühlen wir uns alle hilflos. Viele wollen sie abschaffen, niemand weiß wie. Und doch ist es möglich, wenn wir uns der Entstehung von Gewalt bewusst sind.

Menschliches Verhalten hat sich über Jahrtausende unter dem Druck entwickelt, in einer rauen Umwelt zu überleben. Wir haben es Millionenjahre lang geschafft. Nun stehen wir nicht nur vor dem Problem, dass es unangenehm ist, ständig auf der Hut sein zu müssen, sondern auch davor, dass gewalttätige Menschen im Alleingang nach und nach die Welt so zerstören, dass wir nicht mehr wissen, wie wir das gesund überleben können.

Friedvolle Gesellschaften weltweit

Paläoklimatische und archäologische Feldstudien belegen die Existenz einer ehemaligen, auf der ganzen Welt vorhandenen Periode friedlicher sozialer Bindungen, in der Krieg, Vaterherrschaft und destruktive Aggression völlig fehlten. Wie mussten die zwischenmenschlichen Beziehungen aussehen, um das zu schaffen?

Vor der Entstehung von Gewalt

Soziale Bindungen – „Liebesbindungen“ – zwischen Mann und Frau, Eltern und Kindern, Familien und größeren sozialen Gruppen sind zum Schutz der Schwächeren unentbehrlich.

Halten wir uns die Tatsache vor Augen, dass im Grunde jedes Individuum auf irgendeine Weise verletzbar und daher schutzbedürftig ist.

Wir empfinden Einsamkeit deshalb als vernichtende Kraft, weil das Einsamsein für den Menschen – vor allem für den Säugling oder das Kind – stets den Tod bedeutet hat.

Was sagt die Forschung?

Studien haben gezeigt, dass Säuglinge, die außer Füttern und Trockenlegen keinerlei Zuwendung bekommen, durch Einsamkeit und mangelnde Geborgenheit psychisch stark gestört, oder gar gestorben sind. Auf der anderen Seite konnten Babys von Wolfs- oder anderen Tiermüttern umsorgt, abseits von Menschen in Tiergemeinschaften aufwachsen.

Der Geologe James DeMeo hat zu dieser Thematik sehr umfangreiche kulturvergleichende Forschung betrieben, und ist zu interessanten Ergebnissen gelangt:

Gesellschaften, die Säuglingen und Kindern Traumata und Schmerz zufügen und deren emotionalen und außerdem sexuellen Ausdruck unterdrücken, bringen neurotische, gewaltvolle und selbstzerstörerische Verhaltensweisen hervor.

Gesellschaften, deren Kinder und Säuglinge nicht traumatisiert oder sexuell unterdrückt werden, sondern liebevolle und körperliche Zuwendung erfahren, sind ausnahmslos psychisch gesund und gewaltlos!

Wie konnte es bei uns zu solch einer Gewaltgesellschaft kommen, während andere liebevoll und friedlich miteinander umgehen?

James DeMeo untersuchte traumatische und unterdrückende Haltungen und stellte fest, dass diese eng mit Gewalt und Krieg in Verbindung stehen.

Klinische und kulturvergleichende Beobachtungen der biologischen Bedürfnisse von Säuglingen, Kindern und Jugendlichen und deren gewaltsame Unterdrückung durch Institutionen oder/und harte Umweltbedingungen zeigten eindeutig, dass die daraus resultierenden Folgen wiederum unterdrückendes und zerstörerisches Verhalten sind.

Klimaänderung

Die Entstehung der großen Wüstengebiete Sahara, arabische Wüste und asiatische Wüsten („Saharasia„) vor etwa sechstausend Jahren ließ die vormals partnerschaftlich-lebenden Gesellschaften auseinander brechen.
Mit der Klimaänderung, die eine fruchtbare und regenreiche Phase beendete, verwandelten sich liebevolle und friedliche Menschen, deren Prinzip der Überfluss, das Wohlbefinden und die Freiheit war, in gewaltvolle, kriegerische und despotische.

Ausgehend von den Forschungen Wilhelm Reichs erstellte DeMeo eine globale geographische Analyse sozialer Faktoren, die die Folge von Kindheitstraumata und Sexualunterdrückung sind.

Nach Reich ist – im Gegensatz zu Freuds Theorien – zerstörerische Aggression und sadistische Gewalt beim Homo sapiens ein völlig unnatürlicher Zustand! Die Ursache liegt dabei in einer chronischen Hemmung der Atmung, des emotionalen Ausdrucks und der lustorientierten Impulse. Diese Hemmung entsteht durch traumatische Erlebnisse in der Kindheit.

Machen denn alle Kinder traumatische Erfahrungen?

Nach der Entstehung von Gewalt

Gehemmte, blockierte Kinder sind das Resultat patriarchaler sozialer Konditionierung, zu der schmerzvolle, lustfeindliche Behandlung gehört, die sich über die Jugend bis zum Erwachsenenalter fortsetzt. Der Teufelskreis dreht sich stetig weiter, denn diese Hemmungen verankern sich chronisch im Individuum und prägen die Bindung zwischen Mutter und Kind so wie zwischen Frau und Mann, von Generation zu Generation.

Emotionale Panzerung, ein Begriff, den jeder verstehen sollte

Wilhelm Reich bezeichnet die Folgen als „emotionale Panzerung“ – durch einen ständig angespannten Muskelpanzer die Gefühle vermeiden – und Gewalt gegen die innere wie die äußere Natur.

Das drückt sich in Angst vor dem natürlich Fließenden und Lebendigen aus. Der Unterdrückung der natürlichen Liebesfähigkeit kommt dabei eine Schlüsselrolle zu.

Was sind nun diese Traumata auslösenden Faktoren? Nicht alle Eltern misshandeln ihre Kinder. Oder doch?

Als Beispiele hemmender Behandlung werden von DeMeo angeführt:

  • unbewusstes und rationalisiertes Zufügen von Schmerz an neugeborenen Säuglingen und an Kindern.
  • Trennung und Isolation des Kindes von seiner Mutter
  • Gleichgültigkeit gegenüber weinenden und aufgeregten Kindern
  • ständige Immobilisierung durch Eingewickeltsein
  • Verweigerung der Brust oder verfrühte Entwöhnung des Kindes
  • traumatische Reinlichkeitserziehung
  • die durch körperliche Strafen und Drohungen erzwungene Forderung, ruhig, gehorsam und nicht neugierig zu sein.

Sexualität

Institutionen, z.B. patriarchale Kirchen, die die Sexualität kontrollieren oder zerstören wollen, tun das Hand in Hand mit dem Staat, etwa durch

  • das weibliche Jungfräulichkeitstabu,
  • erzwungene oder festgelegte Heiraten in Monogamie,
  • Keuschheit vor der Ehe,
  • Verbot und Bestrafung von Masturbation bei Kindern und Jugendlichen

Kaum eine Mutter oder ein Vater kann es aushalten, wenn ein Kind sich zwischen den Beinen streichelt, sich dort kitzelt und sich Lust verschafft. Diese Lust müsste auf andere Menschen überspringen – falls sie psychisch gesund sind und die sinnliche Energie eines Kindes ertragen können. Dafür ist in unserem Alltag kein Platz.

Etablierte und mächtige Einrichtungen, die darauf abzielen, das Aufkeimen der kindlichen Sexualität zu kontrollieren und/oder zu zerstören sind übrigens immer in den Kulturen zu finden, wo ein grausamer patriarchaler (Vater-)Gott verehrt wird.

Pädophilie und Ritualmorde

Hinzu kommen soziale Unruhen (z.B. Fremdenhass), sozial geduldete, organisierte Entladung von mörderischem Hass auf Kinder und Frauen (Hexen- und Witwenverbrennung, Ritualmorde, sexuelle Schändung, Folter und Mord an
Kindern – heutzutage per Video zu kaufen, Kinder- und Frauenprostitution, Menschenhandel, Vergewaltigung).

Obendrein werden überaus aggressive, sadistische, grausame Männer vergöttert (Totalitarismus, Gotteskönigtum, Terrorismus, Kriegstreiberei und anderes). Zu bewundern in überdimensionalen Monumenten, Reiterdenkmälern, Lexika ‚berühmter Männer’ oder in den Tagesnachrichten).

Alle diese Symptome treten immer zusammen auf, nie einzeln.

Daraus resultieren nachweisbar die uns vertrauten, aber normal erscheinenden neurotischen, psychotischen, selbstzerstörerischen und sadistisch-gewaltvollen Komponenten menschlichen Verhaltens, die unseren Alltag bestimmen!

Sexualökonomisch beleuchtet spielt sich dabei Folgendes ab:

Die erfahrenen schmerzhaften Traumata verankern sich im Körper der Heranwachsenden als chronischer charakterlicher und muskulärer Panzer, d.h. die biophysikalischen Prozesse, die sich beim gesunden Menschen als vollständige Atmung, emotioneller Ausdruck und sexuelle Entladung während des Orgasmus zeigen, werden durch diesen Panzer blockiert und bioenergetische Spannungen stauen sich fortwährend auf.

Mary Cassatt, Mother and two children, 1901

Nach Reich bewirken diese aufgestauten, innerlichen Spannungen eine sadistische, unbewusste und selbstzerstörerische Verhaltensweise des Individuums.

Es sind also primäre menschliche Bedürfnisse, die hier unterdrückt und gehemmt werden und diese Folgen nach sich ziehen.

Wie wir mittlerweile wissen, gab und gibt es Kulturen, die gewaltfrei, egalitär und friedvoll miteinander leben. Reich konnte anhand der Bedingungen der Trobriandergesellschaft die Richtigkeit seiner klinischen und sozialen Entdeckungen beweisen und somit Freud mit der Behauptung der kulturübergreifenden Natur der kindlichen
Latenzperiode und des Ödipuskomplex widerlegen.

G.H. Taylor (1953) hat ein Schema entwickelt, indem er unterdrückende und tabuisierende Gesellschaften, die er patristisch nennt, den Gesellschaften gegenüberstellt, deren soziale Institutionen die liebevollen Bindungen Mutter-Kind sowie die von Frau-Mann beschützen und fördern (matristisch).

Merkmal matristisch (ungepanzert) patristisch (gepanzert)
Säuglinge, Kinder und Jugendliche

mehr Nachsicht, mehr körperliche Zärtlichkeit, nicht traumatisierte Säuglinge, Fehlen von schmerzhaften Initiationsriten; es gibt Kinderdemokratien, Kinderhäuser oder Jugenddörfer ohne Geschlechtertrennung

wenig Nachsicht, wenig körperliche
Zärtlichkeit, traumatisierte Säuglinge, schmerzvolle Initiationsriten, Beherrschung durch die Familie (‚Besitz‘), geschlechtsgetrennte Häuser oder Militär

Sexualität

gestattende und unterstützende Einstellung, keine Genitalverstümmelung, kein weibliches Jungfräulichkeitstabu, Liebe unter Jugendlichen uneingeschränkt und akzeptiert, Fehlen homosexueller
Strebungen oder strenger Tabus,
Fehlen starker Inzeststrebungen oder strenger Tabus, Fehlen von Konkubinat/ Prostitution

einschränkende Einstellung, genitale
Verstümmelung, weibliches Jungfräulichkeitstabu, Liebe unter
Jugendlichen strikt eingeschränkt, homosexuelle Strebungen,
Inzeststrebung plus strenges Tabu, Konkubinat/ Prostitution

Frauen

Freiheit in allen Bereichen, gleichwertiger Status, kein vaginales Tabublut, eigene Wahl des Lebensgefährten, Scheidung nach eigenem Willen, Frauen kontrollieren die Fruchtbarkeit

eingeschränkte Freiheit, minderwertiger Status
(untergeordnet), vaginales Bluttabu (Entjungferungsblut, Menstruations- und Geburtsblut), keine eigene Wahl des Lebensgefährten, bzw. nach rationalen Gründen, keine Scheidung nach eigenem Willen, Männer kontrollieren die Fruchtbarkeit

Kultur und Familienstruktur

demokratisch, gleichberechtigt, matrilinear, matrilokal, keine Zwangsmonogamie, nicht promiskuitiv, kein hauptberufliches (ständiges) Militär, keine Polizei, gewaltlos

autoritär, hierarchisch, partilinear, patrilokal, lebenslange Zwangsmonogamie, häufig promiskuitiv, militärische Gesellschaftsstruktur, gewalttätig/sadistisch

Religion, Glauben, und Geisteshaltung

Frau/Mutter-orientiert, Lust ist erwünscht und institutionalisiert, Spontaneität, Naturverehrung, keine
hauptberuflichen Priester, männliche oder weibliche SchamanInnen, keine
strengen Verhaltensregeln

Mann/Vater-orientiert, Askese, Vermeidung von
Lust, Hemmung, Angst vor Natur, hauptberufliche Priester, männliche
Schamanen, strenge Verhaltensregeln

Unsere Gesellschaft weist schwere psychopathologische Störungen auf, die weiterhin sich gegen Frauen und Kinder richten, aber gleichzeitig gesellschaftlich akzeptiert und unterstützt werden. Unterstützt von nahezu allen Männern und Frauen, weil diese in ihrer Selbstwahrnehmung durch die emotionale Panzerung so eingeschränkt sind, dass sie deshalb ihr zerstörerisches Verhalten nicht erkennen.


Quellen:

Nach Reich, James DeMeo, Bernd Senf (Hg.), Zweitausendeins – insbesondere die Kapitel:
„Entstehung und Ausbreitung des Patriarchats“, James DeMeo und „Körperverlust und die Ursprünge von Gewalt“, James W. Prescott.

Auf der Suche nach dem verlorenen Glück, Jean Liedloff

Tabelle: übernommen aus: emotion Nr. 10, S. 111