Herrschaftsfrei miteinander leben – wie geht das? Mit Beispielen

herrschaftsfrei

Die herrschaftsfreie Gesellschaft bezeichnet eine bestimmte politische Organisationsform von Gesellschaften ohne Staat oder Zentralinstanz (im Fachjargon segmentäre oder akephale Gesellschaft).

Sie besteht aus einer Anzahl von gleichartigen und gleichrangigen Segmenten, die über Familienverbände organisiert sind.

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Die herrschaftsfreie Gesellschaft funktioniert durch Selbstregulierung

Die Verschachtelung dieser Segmente gewährleistet die weitgehende Selbstregulierung von Kooperations- und Konfliktbeziehungen ohne eine dauerhafte zentrale politische Autorität. Dadurch wird die größtmögliche Flexibilität und Dezentralisierung der politischen und sozialen Organisation ermöglicht. Hierdurch können auch größere Gesellschaften herrschaftsfrei (akephal = wörtlich “ohne Kopf”, also ohne Oberhaupt) funktionieren, entgegen der früheren Annahme, dass nur kleine Gruppen herrschaftslos sein könnten.

Buchtitel wie “Tribes Without Rulers” oder “Regulierte Anarchie” verweisen auf das Hauptcharakteristikum segmentärer Gesellschaften: das Fehlen von Herrschaft. (Siehe auch den Artikel über Anarchie.)

Herrschaftsfrei miteinander leben – heute bedeutungsvoller denn je!

Damit erklärt sich auch das große wissenschaftliche und politische Interesse, das diese Gesellschaften seit ihrer “Entdeckung” in den 1930er Jahren erfahren haben. Ihre Erforschung durch die britische Sozialanthropologie hat gezeigt, dass Herrschaftslosigkeit nicht nur in kleinen Wildbeutergruppen möglich ist. Sie ist problemlos auch in großen Stammesgesellschaften realisierbar, in denen sich mehrere zehn- bis hunderttausende Menschen ohne Zentralgewalt zu politischem Handeln vereinen können.

Herrschaftsfreie Gesellschaften gibt es weltweit. Jedoch die bekanntesten ethnologischen Studien beziehen sich auf indigene Gemeinschaften des afrikanischen Kontinents.

Zu den prominentesten Beispielen zählen die Nuer und Dinka in Ost-, die Tallensi und Tiv in West- und die Beduinen der Cyrenaika in Nordafrika.

Die Verknüpfung von Herrschaft mit Ordnung ist unser Denkfehler

Der Evolutionismus hatte Herrschaft mit gesellschaftlicher Ordnung überhaupt gleichgesetzt und Herrschaftslosigkeit auf die “Urvölker” beschränkt, die noch “an der Nabelschnur des naturwüchsigen Gemeinwesens” hängen (Marx/Engels).

Der deutsche Nationalökonom Max Weber schrieb dazu: “Eine nur durch die gedankenlose oder irgendwelche unbestimmten Folgen von Neuerungen scheuende regulierte Anarchie kann fast als der Normalzustand primitiver Gemeinschaften angesehen werden” (1921).

Das war vor 100 Jahren. Heute sehnen wir uns nach herrschaftsfreien, friedvollen Strukturen! Primitiver als wir zurzeit leben geht’s kaum noch.

Herrschaftsfreie Gesellschaften sind widerstandsfähiger

Dass gerade britische Ethnologen die Struktur und Funktionsweise “regulierter Anarchien” erforschten, erklärt sich nicht zuletzt durch den langen und hartnäckigen Widerstand solcher Völker gegen die Unterwerfung durch die britische Kolonialmacht und gegen die anschließende Kontrolle.

Die Suche nach dem Verantwortlichen, auf den eine Politik der “indirekten Herrschaft” hinsichtlich Steuer, Rechtsprechung und Verwaltung angewiesen war, blieb erfolglos.

Ebenso irritierte die Art des Widerstands gegen die militärische Übermacht: “gezieltes Ausweichen ohne Unterwerfung”. Denn es gibt keinen einzelnen “Verantwortlichen” oder “Ansprechpartner”. Der ganze Stamm ist zuständig.

Die Kolonialverwaltung sah sich veranlasst, die soziale Organisation dieser unregierbaren Völker ethnologisch, d. h. “von Innen her”, untersuchen zu lassen. Als Ergebnis dieser Feldforschungen erschienen 1940 zwei bedeutende Werke: “African Political Systems” (Fortes/Evans-Pritchard) und Evans-Pritchards erstes Buch über die Nuer. (Die Nuer leben im Südsudan und im Westen Äthiopiens, dort vor allem in der Gambela-Region)

Im ersten Buch werden zwei Grundtypen afrikanischer Stammesgesellschaften dargestellt:

  • die ohne Zentralinstanzen (“akephale Gesellschaften”) und
  • die mit staatlicher Organisation.

Die Erforschung segmentärer Gesellschaften ohne Regierung

Zur Charakterisierung der herrschaftsfreien Gesellschaften übernahmen Fortes und Evans-Pritchard den Begriff ‘segmentäre Gesellschaft’ von dem französischen Ethnologen Emile Durkheim.

In “De la division du travail social” (1902) hatte Durkheim die Ansicht entwickelt, es gäbe in “primitiven Gesellschaften” Serien gleichartiger Lokalgruppen und diese Einheiten und ihre Mitglieder seien wechselseitig austauschbar. Die Gruppen könnten sich aufteilen (segmentieren), ohne Form oder Funktion zu verlieren.

Im Gegensatz zum afrikanischen Staat, dessen Bestand von einem “Gleichgewicht” aus Macht und Herrschaft einerseits, Verpflichtung und Verantwortung andererseits abhinge, sehen Fortes und Evans-Pritchard in der segmentären Gesellschaft eine andere Form “gesellschaftlichen Gleichgewichts”.

Es bestehe zwischen einer Anzahl von Segmenten (Verwandtschaftsgruppen), die politisch gleichrangig und gleichartig unterteilt seien und sich über Solidaritätsverpflichtungen innerhalb unilinearer Abstammungsgruppen erhielten.

Das segmentäre Funktionsmodell hat Evans-Pritchard am Beispiel der afrikanischen Nuer beschrieben.

Die Ebenen politischen Handelns sind Einheiten in bestimmten Gebieten

  • Dörfer gruppieren sich zu tertiären Stammessegmenten, die sich zu sekundären und primären Segmenten verbinden können (Gruppe von Dörfern in Regionen).
  • Mehrere primäre Segmente bilden einen Stamm, die größte politische Einheit der Nuer.

Von den zwischen 5000 und 40 000 Mitglieder umfassenden Nuer-Stämmen verfügt jeder über ein eigenes Territorium und ist mit Feldern, Weiden, Wasserstellen und Fischfanggründen ökonomisch unabhängig.

Menschen vom Stamm der Nuer:

Der Stamm bildet eine rechtliche Einheit; er umfasst das größte Gebiet. Innerhalb dieser Einheit können Fehden durch Schlichtung beigelegt werden und außerdem hält sie im Kampf nach außen zusammen.

Der Stamm ist jedoch keine Einheit “an sich”. Diese stellt sich nur her in Opposition zu anderen Stämmen. Seine Einheit ist also relativ.

Das Gleiche gilt für die territorialen Segmente eines Stammes: Die Zugehörigkeit zu einem Segment ist nur durch die Nichtzugehörigkeit zu anderen Segmenten definiert.

Daher können die Beziehungen zwischen politischen Gruppen nur von der Situation abhängig bestimmt werden.

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Dies geschieht – falls überhaupt – in Notsituationen bei Kämpfen um Weideland und Wasserstellen in einem ökologischen Umfeld äußerst knapper Ressourcen.

So wird ein Konflikt zwischen zwei Tertiärsektionen (Dörfer) auf der nächst höheren Ebene, der der Sekundärsektion (Region mit mehreren Dörfern), aufgehoben, sobald diese in Opposition zu einer anderen Sekundärsektion gerät.

Sahuns (1961) interpretierte das Nuer-Modell dahingehend, dass sich Segmente überhaupt nur durch äußere Umstände bildeten. Sobald die Konfliktsituation verschwinde, hörten die Segmente auf zu handeln. Ein Segment könne nie “allein”, immer nur “dagegen” stehen.

Dieses dynamische Verhältnis von gegenseitiger Ausschließung und Ergänzung, von sozialer Integration und Opposition hatten Evans-Pritchard und Fortes “komplementäre Opposition” genannt.

In gewissem Sinn gilt das beduinische Sprichwort: “Ich gegen meinen Bruder; ich und mein Bruder gegen meinen Vetter; ich, mein Bruder und mein Vetter gegen die Welt!”

Der Kern von Evans-Pritchards Funktionsmodell der Nuer-Gesellschaft ist das segmentäre Lineage-System.

Lineage: Herrschaftsfreies Ordnungsprinzip

Die Lineage (englisch: „Gruppe einer Abstammungslinie“) oder einlinige Abstammungsgruppe bezeichnet in der Ethnologie (Völkerkunde) eine große Familiengruppe, deren Angehörige ihre gemeinsame Abstammung von einer Stammmutter oder einem Stammvater herleiten, in einliniger Abfolge entweder über die Mütterlinie (Matri-Lineage) oder über die Väterlinie (Patri-Lineage).

Solche Abstammungsgruppen finden sich als soziale Einheiten bei vielen der weltweit verbreiteten ethnischen Gruppen und indigenen Völkern. Bei ihnen verstehen sich die Lineages als eigenständige Solidaritäts- und Wirtschaftsgemeinschaft, verfügen meist über gemeinsamen Landbesitz und wohnen oft als Siedlungsgruppe zusammen.

Während in Kernfamilien 2 Generationen zusammenleben (Eltern mit Kindern) und in Großfamilien 3 (mit Großeltern), umfasst eine Lineage weitere noch lebende Generationen (vergleiche den Weltrekord von 7 Generationen in einer Familie). Alle Angehörigen einer Lineage sind blutsverwandt miteinander (leibliche Verwandtschaft), alle stammen ab von der Mutter oder dem Vater (verstorben) der ältesten lebenden Generation. Bei nordamerikanischen Indianern werden auch Personen adoptiert, nicht nur Kinder, die dann als blutsverwandt gelten.

Oft können mehr als 10 Vorfahren-Generationen namentlich benannt werden.

Viele Lineages bestehen schon seit Jahrhunderten, fortgeführt von der jüngsten Generation nach den bei ihnen geltenden Abstammungsregeln: In Matri-Lineages können die Söhne ihre Familienzugehörigkeit nicht an ihre eigenen Kinder weitergeben (z.B. die Khasi in Nordindien), in Patri-Lineages können die Töchter das nicht (etwa die Nuer im Südsudan): Kinder gehören immer zur Familie ihrer „Linie“. Ein Lineage als Ganze enthält folglich nur die Hälfte aller Nachkommen: entweder die ihrer weiblichen oder die ihrer männlichen Angehörigen.

Eine umfangreiche Lineage kann sich in größere und kleinere Teile untergliedern, in einzelne Kern- und Großfamilien, als einzelne Segmente bezeichnet – ganze Lineages können wiederum die Segmente einer gesellschaftlichen Erblinie bilden.

In der Regel organisieren sich mehrere zusammengehörende Lineages als eigenständiger Clan, wobei dieser große Verband als Ganzem sich zumeist von einem mythischen oder sagenhaften Urahnen (Stammvater/-mutter) herleitet; bei einigen Völkern beziehen sich die verschiedenen Clans auf symbolische Totemtiere, beispielsweise kann es den Bären-Clan geben gegenüber dem Wolfs-Clan.

Bei den Nuer ist die Lineage patrilinear; der Einzelne gehört ihr an, weil Vater und Großvater ihr schon angehörten. Söhne eines gemeinsamen Vaters gründen Segmente. Dieser Abspaltungsprozess (fission) ist aber nur in entsprechenden Situationen real, denn in Bezug auf andere Lineages oder deren Segmente bilden sie wiederum eine Einheit (fusion). Je nach Bedarf wird diese bis zum gemeinsamen Ahnherrn, dem Lineage-Gründer, bekräftigt und durch Mythos und Ritus erneuert.

Das Konzept der Ältestenrats

Innerhalb der Sozialeinheiten herrscht das Prinzip der Seniorität: Jeder etwas ältere ist dem etwas jüngeren gegenüber weisungsbefugt. Die alten Männer und Frauen sitzen den Verhandlungen vor, jüngere werden allenfalls angehört. Erfahrung wird gewürdigt.

Die Akkumulation von Reichtum ist aufgrund der einfachen Technologie und komplizierten Ökonomie höchstens temporär möglich und ein mit Sanktionen verknüpfter Teilungszwang zum Wohle der Gemeinschaft wirkt dem Ausbau ökonomischer Macht entgegen.

Welche Rolle spielen die Frauen?

Die untergeordnete Rolle der Frauen in großen Bereichen des öffentlichen Lebens ist nur scheinbar und bezieht sich ausschließlich auf den Umgang mit den Kolonialmächten. Innerhalb der Gruppe haben Frauen wie Männer ihren Platz. Alte Frauen gehören zum Ältestenrat und können im rituellen Bereich erhebliches Prestige erlangen.

Die Bedeutung der Frauen als die eigentlichen Trägerinnen der durch Heirat entstandenen Allianzen zwischen den Abstammungsgruppen und ihre häufige Rolle als “Angelpunkte” der Segmentation wurden in den Ethnographien oft unterschätzt.

Die wichtigsten personalen Instanzen in herrschaftsfreien Gesellschaften sind

  • Medizinmänner, Schamaninnen und andere Ritualexperten, die auf der politischen Ebene ausschließlich als Vermittler fungieren
  • und die Ältesten (Ältestenrat).

Quellen/Literatur

Der Beitrag verwendet als Hauptquelle Berhard Streck, Wörterbuch der Ethnologie
Evans-Pritchard, E. E., The Nuer. Oxford 1940
Fortes, M./Evans-Pritchard, E. E. (Hrsg.), African Political Systems. Oxford 1940
Holy, L., Segmentary Lineage Systems Reconsidered. Belfast 1979
Kramer, F./Sigrist, Ch. (Hrsg.), Gesellschaften ohne Staat. 2 Bde., Frankfurt 1978
Middleton, J./Tait, D. (Hrsg.), Tribes without Rulers. London 1958
Sigrist, Ch., Regulierte Anarchie. Freiburg/Olten 1967

Fotos: Joodmc, Canada (Nuer)

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