Entstehung und Ausbreitung von Herrschaft – die ‚Saharasia‘-These

nomadische Reiterkrieger aus Zentralasien

Herrschaft und patriarchale Kulturen treten weder überall noch zufällig auf. Das Kerngebiet ist die Alte Welt. Die Kulturen Ozeaniens und der Neuen Welt waren weit weniger patriarchal, bzw. wurden es erst später.
Der extremste Patrismus ist zuerst in einem zusammenhängenden Verband anzutreffen, ausgehend von Nordafrika über den Nahen (Mittleren) Osten bis nach Zentralasien. Daher finden sich genau in diesem geografischen Raum heute die extremsten und ausgedehntesten Wüstengebiete der Erde.

James DeMeo bezeichnet diesen Raum mit den extremen klimatischen und kulturellen Bedingungen „Saharasia“ (=Sahara/Arabia/Asia)

Geografische Zusammenhänge von Geschichte und Archäologie

Auswertungen von archäologischen und paläoklimatischen Daten ergaben, dass Saharasia 4000 v.u.Z. eine zum Teil bewaldete Graslandsavanne war. Die heute ausgetrockneten Becken waren anfangs mit Wasser gefüllt, das zwischen zehn und hundert Metern tief war.

Es existierte eine vielfältige Tierwelt z.B.:

  • Elefanten,
  • Giraffen,
  • Nashörner,
  • Gazellen lebten im Hochland,
  • Nilpferde,
  • Krokodile,
  • Fische,
  • Schlangen in den Flüssen und Seen.
Bevor Herrschaft entstand: Frauen und Kinder - Felsmalerei in der Sahara (Tassili)
Bevor Herrschaft entstand: Frauen und Kinder – Felsmalerei in der Sahara (Tassili)

Diese Gegend ist heute sehr trocken und daher überwiegend ohne jede Vegetation.

Wie die Völker in diesem Raum lebten, darüber geben archäologische Funde, wie z.B. Geräte und Höhlenmalereien, Aufschluss. Es steht nachweislich fest: Der Charakter dieser frühen Völker war friedvoll und ungepanzert.

Hier findet man behutsames Begraben der Toten, weibliche Statuen, Darstellungen von Frauen, Kindern, Musik, Tanz und Tieren.

Es gibt zudem aus dieser Zeit keine archäologischen Belege für Kriege, Chaos und Brutalität. Die kommen allerdings in jüngeren Schichten vor, nachdem die Trockenheit eingetreten war.

Bei diesen Funden handelt es sich um

  • Kriegswaffen,
  • zerstörte Siedlungen,
  • militärische Befestigungen,
  • Tempel,
  • Deformierung der Schädel von Säuglingen,
  • Grabmale, die männlichen Herrschern gewidmet waren.
  • Weiterhin die rituelle Ermordung von Frauen und Kindern,
  • strenge, soziale Hierarchie,
  • Sklaverei,
  • Prostitution und
  • Konkubinat.
Bildung von Herrschaft, Streitwagen - Felsmalerei in der Sahara (Tassili)
Bildung von Herrschaft, Streitwagen – Felsmalerei in der Sahara (Tassili)

Überdies verschwinden Malereien, die Frauen und Kinder im Alltagsleben darstellen. Sie werden durch kriegerische Darstellungen wie Streitwagen, Schlachten, Krieger und Pferde, ersetzt.

Weibliche Frauendarstellungen verlieren außerdem ihren erotischen, mütterlichen Charakter, werden grimmig gezeigt oder durch männliche „Götter“ ersetzt.

Das bestätigt die Theorie, dass Wüstenbildung und Hungersnöte das friedliche soziale Gefüge zerstören und ein Herrschaftssystem fördern.

Entstehung und Ausbreitung von Herrschaft

An den Ruinen der Siedlungen von friedlich lebenden Völkern kann man indessen ab 4000 v.u.Z. extreme soziale Veränderungen und Zerstörung ausmachen. Trockenheit und die daraus resultierende Landflucht zeichnen sich immer deutlicher ab.

Daher verlagern sich in Zentralasien die Siedlungen in die Ebenen und Flussbetten, was schließlich Niedergänge von großen Gesellschaftskulturen zur Folge hatte.

Siedlungen am Nil und Euphrat/Tigris, in der Levante, in Anatolien und im Iran wurden von Völkern aus Zentralasien und Arabien überfallen. Despotische Zentralstaaten lösten die alten friedlichen gesellschaftlichen Strukturen ab, es etablierten sich

  • zentralistische Religionen mit Priesterkasten mit männlichen Göttern,
  • Tempelbauten und Grabstätten,
  • Witwen- und Muttermorde,
  • Schädeldeformationen,
  • zentrale Bedeutung von Pferden und Kamelen.

Festungsbauten weisen auf den kriegerischen Charakter dieser Völker hin.

Machtgewinn durch Kriege – wie damals, so heute

Diese neuen Staaten gewannen durch ihr kriegerisches Auftreten an Macht. Dadurch, und dem Mangel an fruchtbarem Land, dehnten sie sich weiter aus und fielen in die benachbarten feuchteren Gebiete ein.

Patriarchalisierung – Bildung von Herrschaft – lässt sich zeitlich später in den angrenzenden Gebieten nachweisen, als im Kernland Saharasia. Die Auswanderung aus dem Kernland in die umliegenden Gebiete nahm in dem Maße der zunehmenden Trockenheit zu.

Die Patriarchalisierung in den neu eroberten Gebieten geschah nicht durch Trockenheit und Hunger, sondern durch Vernichtung der ursprünglichen friedlichen Bevölkerung bzw. deren Unterdrückung.

Europa als Beispiel für ein angrenzendes Gebiet an Saharasia

Ein Beispiel ist die Völkerwanderung von Zentralasien (Khasaren) nach Europa. In Europa bestanden bis 4000 v.u.Z., wie archäologische Funde belegen, friedliche Gesellschaftsstrukturen.

Ab dieser Zeit wurde Europa nacheinander von Streitaxtkulturen, Kurgen, Skythen, Sarmantiern, Hunnen, Arabern, Mongolen und Türken überfallen. Sie färbten das Gesamtbild Europas im Laufe der Zeit durch Eroberung und Plünderung immer patriarchaler, d.h. hierarchischer.

In weiter von Zentralasien entfernten Gebiete Europas, wie z.B. in England und Skandinavien, erschienen  erst viel später patriarchale Strukturen und auch nur in abgeschwächter Form. Man kann das heute noch nachvollziehen, wenn man die nordischen Länder mit Osteuropa und den Mittelmeerländern vergleicht.

Das gleiche Schema ist auch bei anderen Ländern der Erde zu erkennen. Denn je weiter ein Land von der Kernzone entfernt und fruchtbar und feucht war, desto länger hat es gedauert, bis sich Herrschaftsstrukturen etabliert hatten. Zu nennen wären hier etwa Kreta, Südostasien, Japan, das südliche Afrika, asiatische Inseln und Ozeanien.

Ausbreitung des Patriarchats
Wege der Ausbreitung des patriarchalen Saharasia-Kultur-Komplexes (Quelle: emotion Nr. 10, S. 128)
Fazit:
  • die wissenschaftlichen Untersuchungen und Studien von James DeMeo haben die sexualökonomische Theorie menschlichen Verhaltens und den Zusammenhang von Wüstenbildung und Gewalt/Patriarchat bestätigt.
  • die lustorientierten Aspekte des sozialen Lebens ermöglichen das Überleben und die Gesundheit eines Kindes, den sozialen Zusammenhalt und somit die Gesundheit und das Fortbestehen einer Gesellschaft.
  • sicher ist, dass es eine Zeit gab, in der friedvolle Völker, die liebevoll und menschenfreundlicher waren, die Erde bevölkerten.
  • patriarchale Kulturen sind in keiner Weise, wie oft fälschlicherweise behauptet wird, die naturgemäßen („survival of the fittest“). Das friedliche Ur-Prinzip ist das naturgemäße und somit dem Leben zuträglichere.
  • dadurch sind die Menschen – und somit die jeweilige Kultur – glücklicher, zufriedener und gesünder.

Quelle:

Ausschnitt aus dem Kapitel „Entstehung und Ausbreitung des Patriarchats – die ‚Saharasia‘-These, 34 S. von James DeMeo in „Nach Reich“ von James DeMeo und Bernd Senf (Hg.)